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Transfer-Analyse

Die Nummer-10-Krise: Warum der klassische Zehner im modernen Fußball ausstirbt – und welche Bundesliga-Klubs noch verzweifelt nach ihm suchen

Die Nummer-10-Krise: Warum der klassische Zehner im modernen Fußball ausstirbt

Während die meisten Topklubs Europas längst auf flexible Mittelfeldsysteme setzen, klammern sich einige Bundesliga-Vereine noch immer an das romantische Ideal des klassischen Zehners. Borussia Mönchengladbach, Eintracht Frankfurt und der VfL Wolfsburg haben allein in diesem Transfersommer zusammen über 80 Millionen Euro für Spieler ausgegeben, die primär als zentrale Spielmacher agieren sollen – ein Konzept, das in der modernen Taktikwelt zunehmend als Luxus gilt, den sich nur wenige Teams leisten können.

Borussia Mönchengladbach Photo: Borussia Mönchengladbach, via www.designfootball.com

Das Dilemma der starren Rollenverteilung

Der klassische Zehner – jener Spieler, der zwischen den Linien operiert, Pässe verteilt und das Spiel dirigiert – steht vor einem fundamentalen Problem: Er passt nicht mehr in die intensiven Pressingsysteme des modernen Fußballs. "Wenn du einen Spieler hast, der defensiv nicht mitarbeitet, spielst du praktisch in Unterzahl", erklärt ein Bundesliga-Scout, der anonym bleiben möchte. "Die Topteams haben das längst verstanden."

Tatsächlich zeigt eine Analyse der erfolgreichsten europäischen Klubs ein klares Bild: Manchester City, Real Madrid und Bayern München setzen auf Mittelfeldspieler, die sowohl kreativ als auch defensiv arbeiten können. Der reine Spielmacher ist zum Auslaufmodell geworden.

Manchester City Photo: Manchester City, via pluspng.com

Gladbachs kostspielige Nostalgie

Borussia Mönchengladbach hat diese Entwicklung besonders schmerzhaft zu spüren bekommen. Nach dem Abgang von Jonas Hofmann investierte der Verein 32 Millionen Euro in den brasilianischen Spielmacher Arthur Melo – einen klassischen Zehner alter Schule. Doch bereits nach wenigen Spieltagen wurde deutlich: Melos Stil passt nicht zu Trainer Gerardo Seoanes intensivem Pressing.

"Arthur ist technisch brillant, aber wenn wir hoch pressen, fehlt uns ein Mann", gibt ein Vereinsinsider zu. Die Folge: Gladbach steht nach 15 Spieltagen nur auf Platz 12, obwohl der Kader auf dem Papier deutlich stärker wirkt als in der Vorsaison.

Ähnliche Probleme plagen Eintracht Frankfurt. Der für 28 Millionen Euro verpflichtete Argentinier Thiago Almada sollte die Kreativlücke nach Hugo Ekitikes Abgang schließen. Stattdessen kämpft Trainer Dino Toppmöller damit, Almada in sein System zu integrieren, ohne defensiv zu anfällig zu werden.

Die Hybridlösung als Zukunftsmodell

Während einige Bundesliga-Klubs noch an veralteten Konzepten festhalten, haben andere längst umgedacht. RB Leipzig beispielsweise setzt auf Spieler wie Xavi Simons – nominell ein Zehner, aber mit der Flexibilität, auch auf den Flügeln oder als Achter zu agieren. Diese Vielseitigkeit macht den Unterschied.

"Der moderne Zehner muss mindestens drei Positionen spielen können", erklärt ein Berater, der mehrere Bundesliga-Profis vertritt. "Nur so rechtfertigst du heute noch einen Platz im Team."

Bayer Leverkusen unter Xabi Alonso hat dieses Prinzip perfektioniert. Florian Wirtz agiert zwar oft als Zehner, kann aber problemlos als Rechtsaußen oder zentraler Mittelfeldspieler fungieren. Diese Flexibilität war entscheidend für Leverkusens Double-Triumph in der vergangenen Saison.

Bayer Leverkusen Photo: Bayer Leverkusen, via media.koobit.com

Der Preisverfall am Transfermarkt

Die sinkende Nachfrage nach klassischen Zehnern spiegelt sich bereits in den Transfersummen wider. Während vor fünf Jahren noch Rekordsummen für reine Spielmacher gezahlt wurden, sinken die Preise kontinuierlich. James Rodríguez, einst für 80 Millionen Euro zu Real Madrid gewechselt, war zuletzt ablösefrei zu haben.

"Der Markt korrigiert sich selbst", analysiert Transferexperte Fabrizio Romano. "Klubs, die noch immer nach dem klassischen Zehner suchen, zahlen mittlerweile Premiumpreise für ein Auslaufmodell."

Welche Vereine noch suchen

Trotz aller Warnzeichen halten mehrere Bundesliga-Klubs an der Suche nach dem klassischen Zehner fest. Neben Gladbach und Frankfurt gilt auch der VfL Wolfsburg als heißer Kandidat für eine entsprechende Verpflichtung im Winter. Vereinskreisen zufolge steht der ehemalige Dortmunder Marco Reus ganz oben auf der Wunschliste – ein weiterer Spieler des alten Typs.

Auch der 1. FC Köln, nach dem Wiederaufstieg auf der Suche nach Verstärkungen, liebäugelt Berichten zufolge mit einem klassischen Spielmacher. Die Verantwortlichen scheinen zu glauben, dass ein kreativer Kopf die Lösung für die Offensivprobleme sei.

Die Lösung: Umdenken oder Untergehen

Die Bundesliga steht vor einer Zeitenwende. Vereine, die weiterhin auf überholte Konzepte setzen, riskieren den Anschluss an die internationale Spitze zu verlieren. Die erfolgreichsten deutschen Teams – Bayern München, Bayer Leverkusen und RB Leipzig – haben längst verstanden, dass Flexibilität wichtiger ist als romantische Nostalgie.

Für die Nachzügler bleibt nur eine Option: Das taktische Umdenken, bevor es zu spät ist. Denn während sie noch nach dem perfekten Zehner suchen, sind ihre Konkurrenten bereits einen Schritt weiter – mit Spielern, die alle Positionen beherrschen und damit die Zukunft des Fußballs verkörpern.

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