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Transfer-Guide

Der Zweitvertrag: Warum immer mehr Bundesliga-Stars heimlich Vorverträge mit Konkurrenzklubs unterschreiben – bevor ihr Vertrag überhaupt ausläuft

Es ist 22:30 Uhr, als Jonathan Tah sein Handy ausschaltet. Soeben hat der Bayer Leverkusen-Kapitän die Unterschrift unter einen Vorvertrag mit dem FC Bayern gesetzt – während sein aktueller Arbeitgeber noch immer auf eine Verlängerung hofft. Was nach Vertragsbruch klingt, ist legal. Und wird zum wachsenden Problem der Bundesliga.

FC Bayern Photo: FC Bayern, via i.pinimg.com

Das System der doppelten Sicherheit

Der Fall Tah ist kein Einzelfall, sondern Teil eines Trends, der die Bundesliga seit 2024 erfasst hat. Spieler mit auslaufenden Verträgen unterschreiben bereits 18 Monate vor Vertragsende Vorverträge mit neuen Klubs – während sie offiziell noch mit ihren aktuellen Vereinen über eine Verlängerung verhandeln.

"Es ist die perfekte Absicherung für den Spieler", erklärt Sportjurist Dr. Michael Lehner. "Sollten die Verlängerungsverhandlungen scheitern, hat er bereits einen neuen Vertrag in der Tasche. Läuft alles gut, kann er den Vorvertrag immer noch auflösen."

Das Problem: Die Klubs erfahren meist nichts von diesen Parallelverhandlungen. Sie investieren Monate in Gespräche mit Spielern, die längst anderweitig gebunden sind.

Rechtliche Grauzonen geschickt genutzt

Juristisch bewegen sich diese Vorverträge in einer Grauzone. Laut FIFA-Statuten dürfen Klubs erst sechs Monate vor Vertragsende offiziell mit Spielern verhandeln. Doch clevere Berater umgehen diese Regel durch "unverbindliche Absichtserklärungen" oder "Beratungsverträge".

"Die Verträge werden so formuliert, dass sie nur unter bestimmten Bedingungen gültig werden", verrät ein Spieleragent, der anonym bleiben möchte. "Zum Beispiel: 'Sollte der aktuelle Vertrag nicht verlängert werden, tritt automatisch der neue Vertrag in Kraft.'"

Ein prominentes Beispiel aus der jüngsten Vergangenheit: Dayot Upamecano unterschrieb bereits im Januar 2021 einen Vorvertrag mit Bayern München – während RB Leipzig noch bis Mai um eine Verlängerung kämpfte. Leipzig erfuhr erst durch Medienberichte von dem Deal.

Die Berater als Strippenzieher

Hinter dem System stehen meist dieselben Beraterfirmen, die sowohl Spieler als auch Abnehmerklubs vertreten. "Es ist ein Milliardengeschäft geworden", sagt Transferexperte Fabian Keil. "Berater verdienen an beiden Seiten – am Vorvertrag und später am offiziellen Transfer."

Besonders perfide: Manche Berater nutzen die Vorverträge als Druckmittel gegen die aktuellen Klubs. "Entweder ihr zahlt mehr Gehalt, oder der Spieler ist nächste Saison weg", beschreibt ein Bundesliga-Manager das Vorgehen.

Bundesliga-Klubs strukturell benachteiligt

Deutsche Vereine sind von diesem Trend besonders betroffen, weil sie seltener Weltklasse-Gehälter zahlen können. "Unsere Spieler werden systematisch abgeworben, bevor wir überhaupt eine Chance haben, ein Gegenangebot zu machen", klagt ein Sportdirektor eines Topklubs.

Die Zahlen sind alarmierend: Allein in der vergangenen Saison wechselten 23 Bundesliga-Profis ablösefrei zu ausländischen Vereinen. In 19 Fällen existierten bereits Vorverträge, lange bevor der Wechsel öffentlich wurde.

Gegenmaßnahmen der Vereine

Einige Klubs versuchen, das System zu ihren Gunsten zu drehen. Borussia Dortmund hat beispielsweise begonnen, eigene Spieler bereits drei Jahre vor Vertragsende zu kontaktieren. "Wir wollen nicht mehr überrascht werden", erklärt ein BVB-Insider.

Andere Vereine setzen auf Ausstiegsklauseln in den Vorverträgen oder bieten Spielern Loyalitätsboni, die höher sind als die Unterschriftsprämien der Konkurrenz.

Was bedeutet das für die Zukunft?

Experten rechnen damit, dass die FIFA ihre Statuten verschärfen wird. "Das aktuelle System untergräbt die Planungssicherheit der Vereine", warnt Dr. Lehner. "Langfristig schadet das dem gesamten Fußball."

Bis dahin müssen sich Bundesliga-Klubs auf eine neue Realität einstellen: In der modernen Transferwelt ist ein Vertrag längst nicht mehr das Papier wert, auf dem er steht.

Der stille Krieg um die Zukunft

Was als clevere Absicherung für Spieler begann, ist zu einem systematischen Problem geworden, das die Machtverhältnisse im Fußball verschiebt. Die Klubs, die am schnellsten lernen, mit dieser neuen Realität umzugehen, werden die Gewinner sein – der Rest bleibt auf der Strecke.

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